VARTA: Wie viel vom heutigen Verbund lässt sich erhalten?
Landrat Dr. Joachim Bläse hofft auf einen Investor, der die verbliebenen Kompetenzen möglichst zusammenhält. Der vorläufige Insolvenzverwalter Tobias Wahl sucht nach einer langfristig tragfähigen Lösung – lässt deren konkrete Struktur aber noch offen. Wie weit liegen beide Perspektiven tatsächlich auseinander?
ELLWANGEN. Zwei Aussagen, zwei Aufgaben – und eine Frage, die für die Zukunft von VARTA im Ostalbkreis entscheidend werden könnte.
Landrat Dr. Joachim Bläse hat im Gespräch mit My Fleckle deutlich gemacht, dass er sich für VARTA möglichst einen Investor wünscht, der die noch vorhandenen Kompetenzbereiche zusammenhält. Der vorläufige Insolvenzverwalter Tobias Wahl formuliert sein Ziel anders: Gesucht werde eine langfristige und tragfähige Lösung für die VARTA-Gruppe. Wie diese Investorenlösung konkret aussehen kann, sei zum jetzigen Zeitpunkt noch offen.
Auf den ersten Blick stehen damit unterschiedliche Zielrichtungen nebeneinander. Bei genauerem Hinsehen gibt es jedoch einen gemeinsamen Nenner: Beide Perspektiven richten sich auf eine Fortführung. Offen ist vor allem, in welcher Struktur sie wirtschaftlich möglich sein wird.
Bläses Perspektive: Der Verbund selbst besitzt einen Wert
Für Landrat Dr. Joachim Bläse geht es bei der Zukunft von VARTA nicht allein um einzelne Produkte oder Geschäftsbereiche. Im Gespräch mit My Fleckle rückte er vielmehr das Zusammenspiel von Produktion, Forschung, Entwicklung und technologischem Know-how in den Mittelpunkt.
„Mir wäre am liebsten, da kommt ein Investor, der das, was jetzt noch da ist, zusammenhält.“
Bläses Blick richtet sich damit stark auf die Bedeutung des Unternehmens für den Standort. Er verweist auf gewachsene Kompetenzen und die Verbindungen zur regionalen Forschungslandschaft. Aus dieser Perspektive besitzt nicht nur jeder einzelne Bereich einen Wert – sondern auch das Zusammenspiel dieser Bereiche.
Gerade deshalb ist für den Landrat die Frage wichtig, ob eine Investorenlösung möglichst viel dieses Kompetenzverbunds erhalten kann.
Wahls Perspektive: Erst analysieren, dann entscheiden
Der vorläufige Insolvenzverwalter Tobias Wahl steht vor einer anderen Aufgabe. Er muss die wirtschaftliche Situation der betroffenen Gesellschaften analysieren, den Geschäftsbetrieb stabilisieren und einen strukturierten Investorenprozess vorbereiten.
Auf Fragen von My Fleckle nach einer möglichen Gesamtlösung oder Teilverkäufen legt sich Wahl deshalb derzeit nicht fest.
„Unser Ziel bleibt eine langfristige und tragfähige Lösung für die VARTA-Gruppe. Für eine Entscheidung über die Ausgestaltung einer Investorenlösung ist es noch zu früh.“
Nach seinen Angaben befinden sich die vier betroffenen Gesellschaften aktuell in der Bestandsaufnahme und Analyse. Gleichzeitig laufen bereits die Vorbereitungen für einen strukturierten Verkaufsprozess. Wahl spricht von einer erfreulich großen Zahl von Interessenten, macht zum jetzigen Zeitpunkt aber keine Angaben zur Art der Anfragen.
Seine Aussagen lassen damit bewusst mehrere Wege offen: eine stärker zusammenhängende Lösung ebenso wie mögliche Lösungen für einzelne Teile, sofern sich dies im weiteren Verfahren als notwendig oder wirtschaftlich tragfähig erweisen sollte.
Was My Fleckle konkret wissen wollte
My Fleckle hatte den Insolvenzverwalter unter anderem gefragt, ob vorrangig nach einer Gesamtlösung gesucht wird oder von Beginn an auch Lösungen für einzelne Unternehmensteile vorbereitet werden. Außerdem wollten wir wissen, nach welchen wirtschaftlichen und strategischen Kriterien über die Fortführung von Gesellschaften, Geschäftsbereichen oder Standorten entschieden wird.
Eine weitere Frage betraf ausdrücklich die Bedeutung von Arbeitsplätzen, Produktionsstandorten und technologischem Know-how im Investorenprozess.
Auf diese Punkte gibt es bislang keine konkrete Festlegung. Wahl verweist auf die frühe Phase des Verfahrens und die laufende Analyse. Das ist keine Aussage gegen den Erhalt bestimmter Bereiche – zeigt aber, dass die entscheidenden Maßstäbe und die spätere Struktur einer Investorenlösung öffentlich derzeit noch nicht feststehen.
Wo sich beide Perspektiven treffen
Trotz ihrer unterschiedlichen Rollen lässt sich aus den Aussagen von Bläse und Wahl ein gemeinsamer Ausgangspunkt erkennen: Beide sprechen von Fortführung und einer langfristigen Perspektive.
Bläse verbindet diese Fortführung mit dem Wunsch, möglichst viel des bestehenden Kompetenzverbunds zusammenzuhalten. Wahl spricht von einer langfristigen und tragfähigen Lösung für die VARTA-Gruppe, lässt aber offen, welche Struktur dafür am Ende wirtschaftlich möglich sein wird.
Damit entsteht die entscheidende Frage nicht zwischen den beiden Personen, sondern im Investorenprozess selbst: Lässt sich eine wirtschaftlich tragfähige Lösung finden, die gleichzeitig möglichst viel von dem Kompetenzverbund erhält, den Bläse für den Standort als entscheidend betrachtet?
Was die unterschiedlichen Wege für den Ostalbkreis bedeuten könnten
Gelingt eine weitgehend zusammenhängende Investorenlösung, käme dies der von Bläse beschriebenen Zielvorstellung entgegen. Forschung, Entwicklung, Produktion und weitere Kompetenzen könnten stärker im Verbund erhalten bleiben.
Erweisen sich dagegen nur einzelne Bereiche als eigenständig tragfähig oder finden sich Investoren lediglich für bestimmte Teile, könnte ebenfalls eine wirtschaftliche Fortführung entstehen – allerdings möglicherweise mit einem stärker aufgeteilten VARTA-Verbund.
Beides sind zum jetzigen Zeitpunkt keine Prognosen. Sie zeigen lediglich, welche Konsequenzen sich aus den unterschiedlichen möglichen Strukturen einer Investorenlösung ergeben könnten.
Der Geschäftsbetrieb muss zunächst stabil bleiben
Bevor diese Entscheidung fällt, liegt der Schwerpunkt nach Angaben Wahls auf der Stabilisierung des Geschäftsbetriebs unter den besonderen Bedingungen des Insolvenzverfahrens. Dazu stehe sein Team in engem Kontakt mit Kunden und Lieferanten.
Die Vereinheitlichung der Insolvenzverfahren der betroffenen Gesellschaften soll nach seinen Angaben zudem die umfangreichen gruppeninternen Verflechtungen übersichtlicher machen und die Umsetzung einer Sanierungslösung erleichtern.
Die entscheidende Frage bleibt die Struktur
Welcher Weg wirtschaftlich möglich ist, wird sich erst im weiteren Investorenprozess zeigen. Für den Ostalbkreis dürfte dabei nicht allein entscheidend sein, ob VARTA fortgeführt wird – sondern auch, in welcher Struktur und mit welchen Kompetenzen.
Genau an diesem Punkt treffen sich die regionale Perspektive des Landrats und die wirtschaftliche Perspektive des Insolvenzverfahrens. Ob daraus am Ende auch eine gemeinsame Lösung entstehen kann, gehört zu den zentralen Fragen, die My Fleckle im weiteren Verlauf des VARTA-Dossiers verfolgen wird.
Zum Dossier
Dieser Beitrag ist Teil unseres Dossiers „VARTA AG – Zukunft eines Schlüsselunternehmens im Ostalbkreis“.
Bisher erschienen:
- Teil 1: VARTA vor einer ungewissen Zukunft – Hintergründe, Ursachen und erste Einordnung.
- Teil 2: Landrat setzt auf Erhalt des Kompetenzverbunds – Interviewbericht mit Dr. Joachim
- Teil 3: VARTA: Wie viel vom heutigen Verbund lässt sich erhalten?
Geplant:
- Reaktion der VARTA AG
- Stimmen aus der Belegschaft
- Analyse des Investorenprozesses
MF-Red-ID: DOS-VA-001-003
Stand: 12.08.2026


