VARTA: Landrat setzt auf Erhalt des Kompetenzverbunds
Dr. Joachim Bläse erklärt im Gespräch mit My Fleckle, warum für ihn bei VARTA weit mehr als Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen – und weshalb Ellwangen bei einer möglichen Aufteilung des Konzerns besonders betroffen wäre.
ELLWANGEN. Insolvenz, Restrukturierung, mögliche Zerschlagung: Die Diskussion über die Zukunft der VARTA AG wird derzeit von großen Begriffen bestimmt. Doch für Landrat Dr. Joachim Bläse geht es um mehr als die Frage, welche Unternehmensteile am Ende verkauft oder weitergeführt werden.
Im Gespräch mit My Fleckle richtet er den Blick vor allem auf Forschung, Entwicklung und industrielle Kompetenz. Seine Sorge: Wenn die verbliebenen Bereiche von VARTA auseinanderfallen, könnte auch ein über Jahrzehnte gewachsenes Netzwerk im Ostalbkreis verloren gehen.
Was Bläse mit den „Kernen der Wertschöpfung“ meint
Eine Formulierung des Landrats hatte besonders aufmerksam gemacht. In seiner Stellungnahme war davon die Rede, „Kerne von Wertschöpfung und Know-how“ bei VARTA in der Region erhalten zu wollen.
Bläse erklärt im Gespräch, warum er bewusst von „Kernen“ spricht. Der Consumer-Bereich befinde sich bereits außerhalb des aktuellen Insolvenzverbunds. Entscheidend sei für ihn nun, dass die verbliebenen Kompetenzbereiche möglichst nicht weiter auseinandergerissen werden.
„Mir wäre am liebsten, da kommt ein Investor, der das, was jetzt noch da ist, zusammenhält.“
Bläse weiß gleichzeitig, dass ein Insolvenzverwalter einen anderen Auftrag hat. Dieser müsse wirtschaftlich denken und die Interessen der Gläubiger berücksichtigen. Sein eigener Blick als Landrat sei dagegen ein regionaler: Was muss erhalten bleiben, damit der Ostalbkreis nicht langfristig Wissen und technologische Kompetenz verliert?
Warum ihm ein Gesamtinvestor lieber wäre
Der Wunsch des Landrats ist damit ziemlich eindeutig: möglichst kein Verkauf einzelner attraktiver Teile an unterschiedliche Käufer, sondern ein Investor, der den verbleibenden Verbund als Ganzes weiterentwickeln kann.
Bläse macht sich dabei keine Illusionen. Jeder Investor werde genau prüfen, welche Bereiche wirtschaftlich arbeiten, welche Personalkosten entstehen und wo weiterer Kapitalbedarf besteht.
Trotzdem sieht er gerade im Zusammenspiel der verschiedenen Technologien einen besonderen Wert von VARTA.

Der VARTA-Standort in Ellwangen-Neunheim mit Produktionshallen und Lagerlogistik. Das Werk gehört zu den bedeutenden Industriestandorten im Ostalbkreis und steht im Mittelpunkt der aktuellen Restrukturierung.
„Ich hoffe eben nicht nur auf lauter Einzelne, die nur eine Sparte wollen, sondern hoffentlich auf einen Gesamtinvestor.“
Denn wenn jede Sparte künftig für sich allein arbeitet, könnten gemeinsame Entwicklungs- und Forschungsstrukturen verloren gehen. Genau darin sieht Bläse eines der größten Risiken einer möglichen Aufteilung.
Die Batterie der Zukunft als Chance
Besonders persönlich wird der Landrat, wenn er über neue Batterietechnologien spricht.
Ein Thema beschäftigt ihn dabei sichtbar: die Natrium-Ionen-Technologie. Sie könnte nach seiner Einschätzung dazu beitragen, Europa unabhängiger von bestimmten Rohstoffen und internationalen Lieferketten zu machen.
„Ich fand dieses Natrium-Ionen-Thema so faszinierend, weil es für uns europäische Unabhängigkeit bedeuten wird.“
Für Bläse ist das nicht nur eine Forschungsfrage. Entscheidend sei, neue Technologien auch tatsächlich industriell produzieren zu können.
„Die Ideen sind da, die müssen wir jetzt nur zur Produktionsreife bringen und industriell fertigen.“
Genau darin sieht er eine Stärke der Region: Forschung, Materialkompetenz und industrielle Produktion sind im Ostalbkreis miteinander verbunden. VARTA, Hochschule und Forschungseinrichtungen bilden dafür ein gewachsenes Umfeld.
Forschung allein reicht nicht
Der Landrat beschreibt den Ostalbkreis ausdrücklich nicht nur als Forschungsstandort.
In den vergangenen Jahren habe die Region bewusst Kompetenzen bei Oberflächen, Materialien und Batterietechnologie aufgebaut. Entscheidend sei aber, dass aus Forschung am Ende auch Produktion entsteht.
„Wir haben immer dafür gekämpft, dass wir gute Produkte haben und vor allem […] eben nicht nur immer forschen, sondern dann auch produzieren.“
Wenn einzelne Unternehmensbereiche künftig nur noch ihre jeweiligen Produkte weiterführen, könnte das Interesse an gemeinsamer Batterieforschung geringer werden. Für Bläse wäre das ein Verlust, der sich nicht allein in Arbeitsplatzstatistiken messen ließe.
Warum Bläse an Schleich erinnert
Im Gespräch kommt der Landrat auch auf ein anderes bekanntes Unternehmen aus der Region zu sprechen: Schleich.
Er behauptet nicht, dass VARTA denselben Weg nehmen werde. Der Fall dient ihm vielmehr als warnendes Beispiel dafür, was passieren kann, wenn am Ende vor allem eine starke Marke interessant bleibt, während andere Unternehmensfunktionen zunehmend an Bedeutung verlieren oder verlagert werden.
Seine Befürchtung formuliert er deutlich:
„Dann wäre es der doppelte Verlust: Kompetenzverlust und Arbeitsplätze.“
Der kurze Verweis auf Schleich macht verständlich, warum Bläse beim Begriff „Erhalt“ nicht nur an den Namen VARTA denkt. Für ihn zählt, was künftig tatsächlich hinter diesem Namen im Ostalbkreis stattfindet: Entwicklung, Produktion, Verwaltung und Arbeitsplätze.
Das Land beobachtet das Verfahren genau
Auch die Landesregierung spielt in Bläses Überlegungen eine Rolle.
Nach seinen Angaben verfolgt insbesondere das baden-württembergische Wirtschaftsministerium die Entwicklung aufmerksam.
„Ich weiß nur, dass das Wirtschaftsministerium federführend ist und das Verfahren sehr genau beobachtet.“
Bläse hält es für denkbar, dass Förderprogramme irgendwann eine Rolle spielen könnten – etwa dann, wenn ein Investor grundsätzlich bereit wäre, VARTA weiterzuführen, aber für die Entwicklung neuer Technologien zusätzliches Kapital benötigt.
Dabei stellt er ausdrücklich klar, dass der Landkreis selbst keine finanziellen Entscheidungen im Insolvenzverfahren treffen kann.
Seine Rolle sieht er an anderer Stelle.
„Wenn ich strategische Dinge sehe, die wichtig sind, dann binde ich immer das Land mit ein.“
Kontakte herstellen, politische Ebenen miteinander verbinden und die Interessen des Ostalbkreises vertreten – darin sieht Bläse seinen Beitrag.
Warum Ellwangen doppelt betroffen ist
Eine der interessantesten Aussagen des Gesprächs betrifft den Standort Ellwangen.
Denn Ellwangen ist nicht nur Produktionsstandort. Dort sind nach Aussage des Landrats zugleich zentrale Funktionen des Konzerns gebündelt – etwa Personal, Finanzen, steuerliche Aufgaben und Teile der Forschung.
Bläse spricht deshalb ausdrücklich von einer „doppelten Problematik“.
„Es geht zum einen darum, dass sie Produktionsstandort bleiben […] Aber für Ellwangen ist noch viel wichtiger, dass der Rest, der jetzt noch da ist, […] bleibt.“
Das Problem: Werden einzelne Gesellschaften an verschiedene Käufer verkauft, könnten diese ihre Verwaltung künftig selbst organisieren oder entsprechende Leistungen an anderen Orten einkaufen.
Dann wäre nicht nur die Produktion betroffen.
„Dann ist das ganze Headquarter, das Kompetenzzentrum Varta war, eigentlich in großer Gefahr.“
Gerade diese Aussage macht deutlich, warum eine mögliche Aufteilung für Ellwangen weitreichendere Folgen haben könnte, als allein der Blick auf einzelne Produktionshallen vermuten lässt.
Der Landrat will mit dem Insolvenzverwalter sprechen
Bläse macht im Gespräch deutlich, dass er seinen politischen Einfluss realistisch einschätzt. Er kann dem Insolvenzverwalter keine wirtschaftliche Entscheidung vorschreiben.
Trotzdem möchte er seine Argumente persönlich vortragen.
„Ich will wirklich da in die Offensive mit dem Insolvenzverwalter.“
Seine Botschaft an Tobias Wahl dürfte dabei klar sein: Bei der Bewertung möglicher Investoren sollte aus Sicht des Ostalbkreises nicht nur betrachtet werden, welche einzelnen Unternehmensbereiche kurzfristig den höchsten Erlös bringen.
Bläse möchte deutlich machen, welchen zusätzlichen Wert ein möglichst zusammenhängender VARTA-Verbund für Forschung, Entwicklung und industrielle Kompetenz besitzt.
My Fleckle ordnet ein
Das Gespräch mit Dr. Joachim Bläse verändert die Perspektive auf die VARTA-Krise.
Die entscheidende Frage lautet nicht allein, ob einzelne Werke erhalten bleiben.
Eine Produktion kann weiterlaufen – und trotzdem kann ein Technologiezentrum verschwinden. Eine Marke kann bestehen bleiben – während Forschung und Entwicklung an Bedeutung verlieren. Und wirtschaftlich tragfähige Einzelteile können Käufer finden – während der Region der Verbund verloren geht, aus dem Innovation entstanden ist.
Genau darum dreht sich Bläses Argumentation.
Er hofft auf einen Investor, der möglichst viel von der verbliebenen VARTA zusammenhält. Er sieht in neuen Batterietechnologien eine Zukunftsperspektive. Und er versucht, Land und Insolvenzverwalter frühzeitig für die besondere Bedeutung des Standorts zu sensibilisieren.
Entschieden ist damit noch nichts.
Aber nach diesem Gespräch lässt sich die zentrale Frage für die kommenden Wochen genauer formulieren:
Nicht nur: Wer kauft welche Teile von VARTA?
Sondern:
Was bleibt danach tatsächlich im Ostalbkreis – an Produktion, Forschung, Entwicklung, Arbeitsplätzen und unternehmerischer Kompetenz?
Zum Dossier
Dieser Beitrag ist Teil unseres Dossiers „VARTA AG – Zukunft eines Schlüsselunternehmens im Ostalbkreis“.
Bisher erschienen:
- Teil 1: VARTA vor einer ungewissen Zukunft – Hintergründe, Ursachen und erste Einordnung.
- Teil 2: Landrat setzt auf Erhalt des Kompetenzverbunds – Interviewbericht mit Dr. Joachim Bläse.
Geplant:
- Interview mit dem Insolvenzverwalter Tobias Wahl
- Reaktion der VARTA AG
- Stimmen aus der Belegschaft
- Analyse des Investorenprozesses
MF-Red-ID: DOS-VA-001-002
Stand: 07.08.2026


