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Bild: KI-generiert für My Fleckle

Wenn die politische Mitte die Wähler nicht mehr erreicht

Warum etablierte Parteien Bindungskraft verlieren – und was Wähler stattdessen suchen

DOSSIER: WAS WOLLEN DIE WÄHLER EIGENTLICH?

1. Das politische Koordinatensystem – Erschienen

2. Wenn die politische Mitte nicht mehr reicht – Aktueller Beitrag

3. Protest, Überzeugung oder beides? – folgt

4. Warum der Osten anders wählt – folgt

5. Hört die Politik die falschen Fragen? – folgt

6. Und was passiert bei uns? – folgt

Die großen Parteien der politischen Mitte konnten sich lange auf feste Wählergruppen verlassen. Diese Bindungen werden schwächer. Sachsen-Anhalt zeigt besonders deutlich, was passiert, wenn Menschen anderen Parteien plötzlich mehr Problemlösung zutrauen als den bisherigen Regierungsparteien.

Eine Wahl kann mehr zeigen als Gewinner und Verlierer

43,8 Prozent für die AfD, 17,2 Prozent für die CDU: Das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist ein Einschnitt. Doch für dieses Dossier ist nicht nur entscheidend, wer gewonnen hat. Interessanter ist, was sich darunter verändert hat.

Noch 2021 war die CDU mit 37,1 Prozent klar stärkste Kraft. Fünf Jahre später hat sich ihr Stimmenanteil mehr als halbiert. Die AfD wiederum hat ihren Anteil von 20,8 Prozent auf 43,8 Prozent mehr als verdoppelt.

Solche Verschiebungen entstehen nicht nur deshalb, weil Menschen auf einer politischen Skala von der Mitte nach rechts wandern. Sie können auch entstehen, wenn bisherige Bindungen verschwinden und Wähler einer anderen Partei eher zutrauen, ihre Probleme zu lösen.

Genau das ist in Sachsen-Anhalt messbar.

Der vielleicht wichtigere Wert steht nicht auf dem Stimmzettel

Im Sachsen-AnhaltTREND von Infratest dimap im Juli 2026 wurden die Wahlberechtigten gefragt, welcher Partei sie am ehesten zutrauen, die wichtigsten landespolitischen Aufgaben zu lösen.

16 Prozent nannten die CDU. 36 Prozent nannten die AfD.

Fünf Jahre zuvor war das Verhältnis nahezu umgekehrt: Vor der Landtagswahl 2021 trauten 40 Prozent der CDU die größte Problemlösungskompetenz zu, der AfD neun Prozent.

Damit hatte sich nicht nur eine Wahlabsicht verändert. Es hatte sich verändert, wem Menschen politische Kompetenz zuschreiben.

Das ist für die Frage nach der politischen Mitte entscheidend. Parteien verlieren ihre Bindungskraft nicht erst am Wahltag. Sie verlieren sie vorher – wenn Menschen nicht mehr glauben, dass diese Parteien die Themen lösen, die sie selbst für wichtig halten.

Die Zeit der selbstverständlichen Stammwähler wird schwächer

Dahinter steckt ein längerfristiger Wandel. Die Bundeszentrale für politische Bildung verweist auf politikwissenschaftliche Forschung, nach der langfristige Parteibindungen und klassisches Stammwählen seit den 1990er-Jahren seltener werden. Jüngere Generationen lassen sich demnach deutlich weniger dauerhaft an eine einzelne Partei binden.

Das verändert die politische Logik.

Wer sich einer Partei über Jahrzehnte verbunden fühlt, verzeiht eher eine einzelne unpopuläre Entscheidung oder eine schwache Regierungsphase. Wer diese Bindung nicht hat, entscheidet stärker von Wahl zu Wahl.

Für Parteien bedeutet das: Ein bekannter Name, Tradition oder eine frühere Regierungsleistung reichen immer weniger aus. Vertrauen muss immer wieder neu gewonnen werden.

Wähler fragen: Wer löst mein Problem?

Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt nannten Befragungen vor allem Zuwanderung beziehungsweise Integration, Bildung und Wirtschaft als wichtige Probleme. Am Wahltag spielten zudem soziale Sicherheit, Frieden, Wirtschaft sowie für AfD-Wähler besonders Kriminalität und innere Sicherheit und Zuwanderung eine Rolle.

Das bedeutet nicht, dass alle Wähler dieselben Antworten wollen. Im Gegenteil: Hinter einem Thema wie Migration, Wirtschaft oder sozialer Sicherheit können sehr unterschiedliche Erwartungen stehen.

Aber die politische Entscheidung beginnt häufig mit einer einfachen persönlichen Frage: Welche Partei nimmt mein Problem ernst – und welcher Partei traue ich zu, etwas daran zu ändern?

Wenn etablierte Parteien bei dieser Frage an Glaubwürdigkeit verlieren, entsteht Raum für andere politische Angebote.

Die politische Mitte ist kein Besitzstand

Hier zeigt sich eine Folge unseres politischen Koordinatensystems aus Teil 1: Die Mitte ist kein fester Ort, der einer bestimmten Partei gehört.

CDU, SPD, Grüne oder FDP können sich selbst als Teil einer demokratischen Mitte verstehen. Entscheidend für ihre Bindungskraft ist aber, ob Wähler sie dort weiterhin als politische Heimat und als handlungsfähig wahrnehmen.

Das ist ein Unterschied.

Eine Partei kann organisatorisch stark, lange regierungserfahren und fest im demokratischen System verankert sein – und trotzdem Menschen verlieren, die sich von ihr nicht mehr vertreten fühlen.

Die eigentliche Krise der Mitte beginnt deshalb möglicherweise nicht dort, wo eine andere Partei stark wird. Sie beginnt dort, wo Menschen sagen: Von den bisherigen Parteien erwarte ich keine Lösung mehr.

Sachsen-Anhalt ist kein Einzelfall bei der Vertrauensfrage

Die Entwicklung beschränkt sich nicht auf Sachsen-Anhalt. Im ARD-DeutschlandTREND vom September 2026 äußerten sich nur 15 Prozent zufrieden mit der Arbeit der schwarz-roten Bundesregierung, 84 Prozent waren unzufrieden. Gleichzeitig zeigte die Befragung sinkendes Sachvertrauen in die Regierungsparteien auf mehreren Politikfeldern.

Bei der Asyl- und Flüchtlingspolitik wurde der AfD bundesweit mit 26 Prozent der höchste Kompetenzwert zugeschrieben. Bei Wirtschaft blieb die Union mit 24 Prozent vorn, hatte aber gegenüber der AfD an Vorsprung verloren. Im Osten Deutschlands lag die AfD bei fast allen abgefragten Politikfeldern vorn; Ausnahme war Klima und Umwelt.

Solche Umfragen erklären keine einzelne Wahl vollständig. Sie zeigen aber, dass der Verlust von Vertrauen und zugeschriebener Problemlösungskompetenz über Sachsen-Anhalt hinausreicht.

Nicht jeder Wechsel ist Protest

Es wäre verführerisch, große Verschiebungen einfach als Protestwahl zu erklären. Doch damit würden wir einen Teil der Wählerentscheidung bereits deuten, bevor wir sie untersucht haben.

Die Daten nach der Wahl zeigen, dass Unzufriedenheit eine Rolle spielt. Zugleich weisen die Befragungen darauf hin, dass Wähler der AfD auch konkrete politische Kompetenzen zuschreiben. Auf der anderen Seite wählten viele Anhänger von SPD und Grünen taktisch, um einen AfD-Ministerpräsidenten zu verhindern.

Wähler können also aus Protest wählen. Sie können aus Überzeugung wählen. Sie können eine Partei wegen eines bestimmten Themas wählen. Und sie können ihre Stimme strategisch einsetzen, um eine andere Partei zu verhindern.

Genau deshalb reicht die Erklärung „Protest“ nicht aus.

Die Frage, die für die Mitte unbequem wird

Wenn Parteien Wähler verlieren, ist eine naheliegende Reaktion, auf die Gewinner zu schauen: Was machen die anderen? Warum funktioniert deren Kommunikation? Warum erreichen sie Menschen?

Die wichtigere Frage führt jedoch zurück zu den Verlierern:

Warum gelingt es Parteien der bisherigen politischen Mitte immer weniger, bestimmte Wähler politisch zu erreichen?

Wer diese Frage ernst nimmt, muss nicht jede Forderung dieser Wähler übernehmen. Aber er muss verstehen, welche Probleme sie sehen, welche Erwartungen sie haben und warum sie anderen Parteien mehr zutrauen.

Denn eine politische Mitte bleibt nicht stark, weil sie sich selbst Mitte nennt. Sie bleibt stark, wenn genügend Menschen glauben, dass ihre Interessen dort vertreten werden und ihre Probleme dort eine glaubwürdige Antwort finden.

Ob hinter dem Wechsel zu anderen Parteien vor allem Protest, politische Überzeugung oder eine Mischung aus beidem steckt, untersuchen wir im nächsten Teil dieses Dossiers.

Weitere Teile dieses Dossiers finden Sie in der Übersicht am Anfang des Beitrags.

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