Bankrott des Wassers
Die Welt redet über Energie, Emissionen und Kriege. Doch womöglich entscheidet am Ende etwas anderes über Stabilität, Wohlstand und Frieden: Wasser. Nicht sein Mangel allein ist das Problem, sondern die Tatsache, dass viele Systeme sich längst nicht mehr erholen können.
„Krise“ klingt nach Ausnahmezustand. Nach etwas, das vorübergeht. Genau darin liegt die Wucht dieses Themas: Führende UN-Forschende warnen inzwischen nicht mehr nur vor Wasserstress, sondern sprechen von einer Art globalem Wasserbankrott. Gemeint ist eine Lage, in der Seen schrumpfen, Grundwasser sinkt, Flüsse an Verlässlichkeit verlieren und ganze Regionen von Reserven leben, die sich nicht schnell genug erneuern. Laut dem Bericht leben fast drei Viertel der Weltbevölkerung in wasserunsicheren oder kritisch wasserunsicheren Ländern; rund vier Milliarden Menschen erleben jedes Jahr mindestens einen Monat schwere Wasserknappheit.
Das ist kein fernes Umweltproblem, sondern eine politische Realität. Wasser entscheidet über Landwirtschaft, Städtebau, Gesundheit, Migration und soziale Ruhe. Besonders brisant ist dabei die Nahrungssicherheit: Der UN-Bericht warnt, dass über 170 Millionen Hektar bewässerter Ackerflächen unter hohem oder sehr hohem Wasserstress stehen und mehr als die Hälfte der globalen Nahrungsmittelproduktion in Regionen stattfindet, deren Wassersysteme unter Druck geraten.
Die erste Antwort auf die Frage, wer künftig noch genug haben wird, ist deshalb ernüchternd: nicht unbedingt die naturreichsten Länder, sondern jene, die Wasser politisch, technisch und finanziell besser organisieren. Wer Speicher schützt, Netze modernisiert, Wasser wiederverwendet und klare Prioritäten setzt, wird widerstandsfähiger sein als jene, die sich weiter auf alte Selbstverständlichkeiten verlassen. Die Vereinten Nationen drängen deshalb auf ehrliche Wasserbilanzen, bessere Governance und den Schutz natürlicher Speicher wie Aquifere, Böden, Feuchtgebiete und Gletscher.
Die zweite Antwort ist unbequemer: Der größte Hebel liegt nicht zuerst im Badezimmer, sondern auf dem Feld. Global entfallen rund 69 bis 72 Prozent der Süßwasserentnahmen auf die Landwirtschaft. Solange Wasser dort billig, politisch heikel oder ineffizient genutzt wird, werden viele Staaten ihre Knappheit nicht lösen, sondern nur verwalten. Die Frage lautet also nicht mehr nur, wie Wasser gespart werden kann, sondern auch, welche Formen von Landwirtschaft und Konsum in einer trockeneren Welt überhaupt noch tragfähig sind.
Technik kann helfen, aber sie ist kein Zaubertrick. Die Weltbank sieht in Wiederverwendung und Aufbereitung von Wasser einen wichtigen Hebel, gerade für Städte und Industrie. Zugleich bleibt etwa Entsalzung energieintensiv und teuer. Technik kann also Zeit kaufen, aber sie ersetzt keine politische Ehrlichkeit darüber, wer wie viel Wasser verbraucht und welche Prioritäten künftig gelten sollen.
Vielleicht liegt genau darin die stillste Wahrheit dieses Themas: Wasser wird die Welt nicht in einem einzigen dramatischen Moment verändern. Es wird sie langsam sortieren. In Regionen, die vorsorgen. Und in Regionen, die zu lange so getan haben, als sei das Selbstverständlichste der Welt auch das Unerschöpflichste.


