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Der Moment, als Baden-Württemberg kippte – und trotzdem “schwarz” blieb (Episode 1 )
Am 8. März 2026 ist Landtagswahl in Baden-Württemberg – wir starten unsere Serie mit dem Jahr 2011, als Winfried Kretschmann erstmals Ministerpräsident wurde.
Stuttgart, Frühjahr 2011. Baden-Württemberg wählt – und auf den ersten Blick sieht alles aus wie immer: Die CDU holt die meisten Stimmen. Und doch ist es der Abend, an dem sich die politische Statik des Landes verschiebt.
Denn die CDU landet bei 39,0 Prozent. Das klingt nach Stärke – ist aber in Wahrheit die Zahl, die alles verändert. Zum ersten Mal fällt die Partei unter die 40-Prozent-Marke. Und vor allem: Sie verliert das, worauf es in der Praxis ankommt – die Fähigkeit, eine Regierung zu bilden.
Bis dahin war das Muster vertraut: CDU und FDP – eine Koalition, die Baden-Württemberg jahrzehntelang prägte. 2011 reicht es dafür nicht mehr.
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CDU: 60 Sitze
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FDP: 7 Sitze
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Zusammen: 67 Sitze – keine Mehrheit
Auf der anderen Seite entsteht erstmals eine neue, knappe Mehrheit:
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Grüne: 36 Sitze
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SPD: 35 Sitze
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Zusammen: 71 Sitze – Mehrheit
Und weil die Grünen minimal vor der SPD liegen, wird aus einer rechnerischen Möglichkeit eine politische Zäsur: Winfried Kretschmann wird Ministerpräsident.
So simpel ist die Mathematik. Und so groß ist die Wirkung: Nach 58 Jahren CDU-Regierungsführung bekommt das Land erstmals einen grünen Regierungschef.
Warum wollten plötzlich so viele “etwas anderes”?
Die Wahl 2011 ist nicht nur ein Parteiergebnis. Sie ist ein Stimmungsbild – und zwar eines, das sich über Monate aufgebaut hat und dann plötzlich kippt.
1) Stuttgart 21: Ein Bahnhof als Symbol für Macht
Stuttgart 21 war längst mehr als ein Infrastrukturprojekt. Es wurde zum Streit darüber, wie Politik im Land funktioniert: zuhören oder durchziehen, vermitteln oder eskalieren. Der Konflikt hat viele Menschen politisiert – und die Frage gestellt: Wollen wir noch einmal “Weiter so”?
2) Fukushima: Der Moment, in dem “Grün” anschlussfähig wurde
Kurz vor der Wahl kommt Fukushima. Und plötzlich wird ein Thema, das vorher oft nach Idealismus klang, zur Sicherheitsfrage. In diesem Moment profitieren die Grünen – nicht nur, weil sie glaubwürdig gegen Atomkraft standen, sondern weil sich die gesellschaftliche Mitte öffnet: Vielleicht braucht es wirklich eine andere Richtung.
3) Mehr Menschen gehen wählen – und das verändert Ergebnisse
Die Wahl ist auch eine Mobilisierungswahl. Mehr Beteiligung heißt: Es sind nicht nur Stammwähler unterwegs. Es kommen Menschen dazu, die sonst nicht wählen – oder die sonst “aus Gewohnheit” CDU wählen.
War das ein kompletter Systemwechsel?
In der Machtfrage: ja. In der Politik-Realität: eher ein Update als ein Neustart.
Der Wechsel war historisch, aber Baden-Württemberg wurde nicht über Nacht ein anderes Land. Wer 2011 erwartet hatte, dass jetzt alles radikal “grün” wird, musste schnell lernen: Regieren ist nicht Demonstrieren.
Und genau hier beginnt die eigentliche Kretschmann-Geschichte.
Der Faktor Kretschmann: “Landesvater” statt Parteisoldat
Ein Teil des Erfolgs hat mit Zahlen zu tun. Ein anderer Teil mit einer Person.
Kretschmann war für viele Wählerinnen und Wähler nicht der Inbegriff von Aktivismus, sondern eher das Gegenteil: ruhig, staatstragend, bürgerlich im Ton. Das machte ihn für ein Land wie Baden-Württemberg wählbar – auch für Menschen, die sich selbst nicht als “grün” verstanden.
Kretschmann ist nicht nur ein grüner Ministerpräsident. Er ist der Politiker, mit dem “Grün” in Baden-Württemberg mehrheitsfähig wurde.
Und das hat Konsequenzen – positive wie negative.
Der Haken, der später wichtig wird: Der Preis der Mehrheitsfähigkeit
Wenn ein grüner Ministerpräsident in einem industriestarken, konservativ geprägten Land regiert, passiert fast zwangsläufig Folgendes:
- Man gewinnt Vertrauen in der Mitte,
- aber man verliert oft Schärfe an den Rändern.
- Man schafft Stabilität,
- aber man schluckt Konflikte.
- Man setzt Ziele,
- aber man liefert nicht immer Tempo.
Das ist kein Vorwurf – das ist die Logik von Koalitionen, Behördenrealität, Wirtschaftsdruck und politischen Mehrheiten.
Und genau deshalb lohnt sich diese Serie.
Weil man an Kretschmanns Jahren sehen kann, was “grüne Politik” im echten Betrieb bedeutet: Wo sie das Land verändert hat – und wo sie Kompromisse machen musste.
Und ja: wo sie Fehler gemacht hat.


