Was hinter diesem Wahlergebnis wirklich steckt

Wer nur auf Prozentzahlen schaut, verpasst die entscheidende Geschichte dieser Wahl. Im weiterführenden Beitrag zeigt My Fleckle, warum Cem Özdemirs Sieg auch die Schwäche der Grünen offenlegt, weshalb Manuel Hagel politisch Fragen offenlässt, warum die Mitte an Kraft verliert – und was Baden-Württemberg jetzt wirklich braucht.

 

Der Sieg des Cem Özdemir – und die Schwäche der Grünen dahinter

Cem Özdemir hat diese Wahl gewonnen. Aber genau darin steckt schon die erste offene Frage: Haben die Grünen gewonnen – oder vor allem Özdemir? Vieles spricht für Letzteres. Sein Erfolg wirkt stark personalisiert. Er zog nicht als klassischer Parteimann, sondern als Figur der Regierungsfähigkeit: nüchterner, staatstragender, wirtschaftsnäher im Ton als das Bild, das viele Wähler von den Grünen insgesamt haben.

Das ist für die Grünen ein Erfolg. Aber kein bequemer. Denn ein Wahlsieg, der so stark an einer Person hängt, legt immer auch eine Schwäche der Partei frei. Özdemir ist gerade deshalb anschlussfähig, weil er für viele eben nicht eins zu eins für das steht, was mit den Grünen auf Bundesebene verbunden wird. Er gewinnt, weil er lesbarer ist als seine Partei.

Und dann gibt es noch die Frage des Stils. Wenn Özdemir nun eine Regierung bilden will, wird er sich auch anschauen müssen, wie der Wahlkampf in den letzten Tagen gelaufen ist. Der Ton wurde persönlicher, an manchen Stellen auch unnötig scharf. Wer mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder miteinander regieren soll, kann das nicht einfach abhaken. Dazu gehört auch die Bereitschaft, eigene Grenzüberschreitungen im Wahlkampf ehrlich zu benennen. Gegenüber einem möglichen Koalitionspartner wäre das kein Zeichen von Schwäche, sondern von politischer Reife.

Manuel Hagel und das Problem der kontrollierten Ambition

Manuel Hagel hat mit der CDU sichtbar aufgeholt. Die Partei liegt fast gleichauf mit den Grünen und hat in der Fläche stark abgeschnitten. Und trotzdem bleibt nach diesem Abend eine klare Tatsache stehen: Das zentrale Ziel der CDU war, stärkste Kraft zu werden. Dieses Ziel wurde verfehlt.

Hagel spricht davon, Verantwortung zu übernehmen. Das ist ein richtiger Satz. Aber er beantwortet noch nicht die entscheidende Frage: Verantwortung wofür genau? Für ein Ergebnis, das besser ist als zuletzt, aber den eigenen Machtanspruch eben nicht eingelöst hat? Die CDU hat aufgeholt, ja. Doch sie hat ihr zentrales Ziel nicht erreicht. Das muss Teil einer ehrlichen Bilanz sein.

Dahinter steht ein CDU-Reflex, der im Ländle nach wie vor spürbar ist: der Anspruch, natürliche Führungspartei zu sein. Als läge die politische Vernunft am Ende doch immer am ehesten bei ihr. Genau dieser Reflex trägt heute aber nicht mehr automatisch. Baden-Württemberg ist politisch vielfältiger, widersprüchlicher und anspruchsvoller geworden. Wer führen will, muss das nicht nur beanspruchen, sondern sichtbar neu begründen.

Und dann ist da noch die Frage, wie es mit Hagel weitergeht. Ganz offen ist sie in Wahrheit nicht. Hagel war Spitzenkandidat, Landeschef und Gesicht dieses Wahlkampfs. Wenn die CDU wieder mitregiert, spricht politisch vieles dafür, dass er Regierungsverantwortung übernimmt – in einem gewichtigen Ministeramt und sehr wahrscheinlich auch als stellvertretender Ministerpräsident. So zu tun, als sei völlig offen, ob und wie es mit ihm weitergeht, wäre gekünstelt. Natürlich wird es für ihn weitergehen. Die eigentliche Frage ist, in welcher Rolle und mit welcher politischen Autorität nach einem Wahlabend, an dem der große Anspruch unerfüllt blieb.

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Warum die Mitte verliert, wenn sie nur verwaltet

Die eigentliche Warnung dieser Wahl kommt nicht nur von den Gewinnen der AfD. Sie kommt auch von der Schwäche der Parteien, die einmal als verlässliche Träger der politischen Mitte galten. Die SPD rettet sich nur knapp, die FDP fliegt ganz heraus. Der Raum zwischen den großen Machtpolen wird kleiner. Das ist kein Zufall, sondern die Folge eines politischen Angebots, das oft zu blass, zu reaktiv und zu technokratisch geworden ist.

Die Mitte verliert nicht zuerst an die Ränder, weil diese so stark wären. Sie verliert dort, wo sie selbst ihre Richtung nicht mehr klar erkennen lässt. Wer nur verwaltet, nur moderiert oder nur das kleinere Übel anbietet, wird über kurz oder lang übersehen. Genau das ist in Baden-Württemberg sichtbar geworden. In einem Wahlkampf, der immer stärker auf den Zweikampf zwischen Özdemir und Hagel zulief, blieben für SPD und FDP am Ende kaum mehr als Nebenrollen.

Das ist mehr als ein taktisches Problem. Es ist ein Substanzproblem. Parteien, die nicht mehr erkennbar für ein eigenes Projekt stehen, schrumpfen irgendwann auf ihre Restfunktion zusammen. Die Wahl in Baden-Württemberg ist dafür ein besonders deutliches Beispiel.

Was Baden-Württemberg jetzt wirklich braucht

Nach dieser Wahl reicht es nicht, einfach nur wieder eine Regierung zusammenzusetzen und den Betrieb fortzusetzen. Dafür ist die Botschaft des Ergebnisses zu deutlich. Das Land bleibt stabil genug, um regiert zu werden. Aber es ist unruhig genug, um ein schlichtes Weiter-so nicht mehr zu akzeptieren.

Baden-Württemberg braucht jetzt zuerst politische Lesbarkeit. Die Wähler müssen erkennen können, wofür eine Regierung steht: wirtschaftlich, gesellschaftlich, ordnungspolitisch. Zweitens braucht das Land mehr als Symbolpolitik. Drittens braucht es endlich wieder mehr Respekt vor der Frage, wie Staat im Alltag funktioniert. Vertrauen wächst nicht aus großen Worten, sondern aus funktionierender Verwaltung, nachvollziehbaren Entscheidungen und einem politischen Stil, der Konflikte nicht verdrängt, sondern ehrlich austrägt.

Die Aufgabe der nächsten Jahre wird deshalb sein, Stabilität neu zu definieren: nicht als Beharren, sondern als glaubwürdige Führung in einem Land, das Wohlstand, Ordnung und Modernisierung gleichzeitig erwartet. Wer das liefert, wird im Ländle bestehen. Wer nur verwaltet, wird beim nächsten Mal noch härter abgestraft.