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Handwerk zieht wieder mehr Jugendliche an – und trotzdem bleiben Lehrstellen frei
Mehr Nachwuchs und trotzdem freie Plätze: Im Ostalbkreis starten 590 Jugendliche ins Handwerk. Gleichzeitig sind 65 Lehrstellen noch unbesetzt.
Mehr Azubis bedeuten noch lange nicht, dass alle Stellen besetzt sind
Ausbildung im Handwerk scheint für junge Menschen wieder interessanter zu werden. Im Ostalbkreis beginnen 2026 insgesamt 590 Jugendliche eine handwerkliche Ausbildung. Nach Angaben der Handwerkskammer Ulm sind das sieben Prozent mehr als im Vorjahr.
Das ist zunächst eine gute Nachricht. Doch daneben steht eine zweite Zahl: 65 Lehrstellen im Handwerk sind im Ostalbkreis noch nicht besetzt.
Wie passt das zusammen?
Der Blick über den Ostalbkreis hinaus zeigt, dass es sich nicht um eine einzelne regionale Bewegung handelt. Im gesamten Gebiet der Handwerkskammer Ulm – vom Ostalbkreis bis zum Bodensee – starten 2.971 junge Menschen in eine handwerkliche Lehre. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Plus von rund sechs Prozent.
Trotzdem suchen Betriebe weiterhin Nachwuchs. Im gesamten Kammergebiet sind noch fast 300 Ausbildungsplätze unbesetzt.
Das macht einen wichtigen Unterschied sichtbar: Ein Anstieg bei den Auszubildenden bedeutet nicht automatisch, dass der Bedarf der Betriebe gedeckt ist.
Bau- und Ausbauberufe legen deutlich zu
Interessant ist auch, wohin es die jungen Menschen zieht. Besonders stark wachsen im Kammergebiet einige Bau- und Ausbauberufe.
Bei den Stuckateuren liegt die Zahl der neuen Auszubildenden 92 Prozent über dem Vorjahr, bei den Maurern 38 Prozent. Die Zimmerer legen um 8,5 Prozent zu. Auch andere Bereiche gewinnen: Im Friseurhandwerk steigt die Zahl der neuen Auszubildenden um gut sechs Prozent, bei den Fachverkäufern im Lebensmittelhandwerk um knapp 24 Prozent.
Die Prozentwerte zeigen eine deutliche Bewegung, sagen für sich allein aber noch nichts über die absolute Größe der einzelnen Berufsgruppen aus. Entscheidend ist deshalb der Trend: Mehrere sehr unterschiedliche Gewerke gewinnen Nachwuchs.
Warum bleiben dann Ausbildungsplätze frei?
Genau hier wird die Sache für Jugendliche interessant. Denn eine freie Lehrstelle bedeutet nicht automatisch, dass sich niemand für eine Ausbildung interessiert.
Angebot und Nachfrage müssen zusammenpassen.
Ein Jugendlicher sucht vielleicht einen bestimmten Beruf, der freie Ausbildungsplatz befindet sich aber in einem anderen Gewerk. Ein Betrieb sucht Nachwuchs an einem bestimmten Ort, während Bewerber andere Wege oder Arbeitsfelder bevorzugen. Hinzu kommen persönliche Interessen, schulische Voraussetzungen, Mobilität und die Frage, ob Jugendliche einen Beruf überhaupt kennen.
Deshalb können beide Entwicklungen gleichzeitig auftreten: mehr neue Auszubildende und weiterhin unbesetzte Lehrstellen.
Für Jugendliche, die für 2026 noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, ist die Zahl 65 deshalb vor allem ein Signal: Der Ausbildungsmarkt ist noch nicht abgeschlossen.
Nicht nur nach den bekannten Berufen suchen
Vielleicht liegt genau darin eine Chance. Bei der Berufswahl konzentriert sich der Blick schnell auf einige bekannte Ausbildungsberufe. Dabei bietet das Handwerk weit mehr als 100 verschiedene Ausbildungsberufe.
Was macht eigentlich ein Stuckateur? Wie hat sich der Beruf des Zimmerers durch moderne Technik verändert? Welche Möglichkeiten bietet die Elektrotechnik? Und was steckt heute hinter einer Ausbildung im Lebensmittelhandwerk?
Wer nur nach dem sucht, was er bereits kennt, kann einen Beruf übersehen, der viel besser zu den eigenen Interessen passt.
Ausbildung ist auch Zukunftssicherung
Für einen Betrieb ist ein Ausbildungsplatz nicht einfach eine freie Stelle für einen jungen Menschen. Ausbildung ist eine Investition in die eigenen Fachkräfte von morgen.
Wenn Nachwuchs fehlt, kann das einige Jahre später konkrete Folgen haben. Dann fehlen Menschen, die Häuser bauen und sanieren, Fahrzeuge reparieren, Heizungen installieren, elektrische Anlagen warten oder Lebensmittel herstellen und verkaufen.
Die Frage, ob Ausbildungsplätze besetzt werden, betrifft deshalb nicht nur Jugendliche und Unternehmen. Sie betrifft langfristig die Versorgung und Leistungsfähigkeit der gesamten Region.
Noch keinen Ausbildungsplatz? Dann lohnt sich ein zweiter Blick
590 neue Auszubildende im Ostalbkreis sind ein positives Signal. Die gleichzeitig noch offenen 65 Lehrstellen zeigen aber auch: Es gibt weiterhin Möglichkeiten.
Für Jugendliche, die bisher nichts Passendes gefunden haben, kann es sich lohnen, den Suchradius noch einmal zu erweitern – bei den Berufen ebenso wie bei den Betrieben.
Nicht nur fragen: „Welchen Beruf kenne ich?“
Sondern vielleicht auch: „Was mache ich eigentlich gerne – und welcher Beruf passt dazu?“
Denn manchmal beginnt eine gute Berufswahl mit einem Ausbildungsberuf, den man vorher überhaupt nicht auf dem Schirm hatte.


