Der Hai, der dem Alter trotzt
Grönlandhai behält offenbar jahrhundertelang seine Sehkraft
Grönlandhaie können mehrere Jahrhunderte alt werden. Neue Untersuchungen deuten darauf hin, dass auch ihre Augen erstaunlich lange funktionsfähig bleiben.
Bis zu 400 Jahre alt
Das genaue Alter eines Grönlandhais lässt sich nicht wie bei einem Baum an Jahresringen ablesen. Wissenschaftler nutzen unter anderem die Radiokarbon-Datierung von Gewebe im Auge. Eine frühere Untersuchung kam bei einem Tier auf ein mögliches Alter von etwa 400 Jahren; für untersuchte Weibchen wurde zudem eine Mindestlebensdauer von 272 Jahren ermittelt.
Das bedeutet: Ein Grönlandhai könnte bereits in den Meeren geschwommen sein, als in Europa noch ganz andere politische und gesellschaftliche Verhältnisse herrschten. Allerdings handelt es sich bei den Altersangaben um wissenschaftliche Schätzungen – nicht um eine lückenlos bekannte Lebensgeschichte einzelner Tiere.
Augen für die Tiefsee
Lange galt der Grönlandhai wegen seiner oft von Ruderfußkrebsen besiedelten Hornhaut als nahezu blind. Die neue Studie zeichnet ein differenzierteres Bild: Die Parasiten können das Auge beeinträchtigen, doch die Hornhaut ließ in den untersuchten Proben weiterhin einen erheblichen Teil des Lichts bis zur Netzhaut durch.
Die Netzhaut des Hais ist besonders an die Dunkelheit angepasst. Sie besteht im Wesentlichen aus dicht gepackten, länglichen Stäbchenzellen. Diese Sinneszellen reagieren besonders empfindlich auf schwaches Licht – genau das, was in den kalten Tiefen des Nordatlantiks und Arktischen Ozeans gebraucht wird.
Blau statt grelles Tageslicht
Die Forschenden stellten außerdem fest, dass das Sehpigment Rhodopsin des Grönlandhais besonders auf kurzwelliges, blaues Licht reagiert. In den tiefen und klaren Meeresregionen, in denen die Tiere leben, kann blaues Licht vergleichsweise weit vordringen.
Auf ein gutes Farbsehen bei hellem Tageslicht scheint der Grönlandhai dagegen weitgehend verzichtet zu haben. Viele Gene, die bei anderen Wirbeltieren für das Zapfensehen wichtig sind, sind bei ihm inaktiviert oder werden kaum noch abgelesen. Für seinen Lebensraum ist das offenbar kein Nachteil: Entscheidend ist, im Dunkeln möglichst wenige Lichtteilchen wahrzunehmen.
Das Geheimnis liegt vielleicht in der DNA
Besonders spannend ist ein weiterer Befund. Im Erbgut und in der Netzhaut fanden die Wissenschaftler Hinweise auf eine besonders aktive Ausstattung mit Genen für die DNA-Reparatur. Diese Mechanismen könnten dabei helfen, Schäden an den Zellen zu beheben und die Netzhaut über sehr lange Zeit funktionsfähig zu halten.
Noch ist damit aber nicht bewiesen, dass die DNA-Reparatur allein für die außergewöhnliche Lebensdauer der Augen verantwortlich ist. Die Studie liefert zunächst Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang. Weitere Untersuchungen müssen zeigen, wie genau diese Reparaturmechanismen arbeiten und ob sie auch für andere Organe des Hais eine Rolle spielen.
Ein Tier voller Gegensätze
Der Grönlandhai ist ein Meister der Anpassung. Er lebt in Wasser, das bis etwa minus 1,1 Grad Celsius kalt sein kann, kommt in Tiefen von fast 3.000 Metern vor und wächst nur ungefähr langsam über viele Jahrzehnte hinweg. Gleichzeitig besitzt er ein hochspezialisiertes Sehsystem, das selbst unter diesen extremen Bedingungen funktioniert.
Sein langsames Leben hat allerdings auch eine Schattenseite: Grönlandhaie werden vermutlich erst nach weit mehr als einem Jahrhundert geschlechtsreif. Dadurch können sich Bestände nur sehr langsam erholen, wenn viele Tiere gefangen werden oder andere Belastungen hinzukommen.
Was Menschen davon lernen könnten
Die Forschung am Grönlandhai soll nicht unmittelbar zu einer „Jungbrunnenmedizin“ führen. Sie könnte aber helfen, besser zu verstehen, wie langlebige Tiere Zellschäden begrenzen, Nervengewebe erhalten und altersbedingte Veränderungen verlangsamen. Besonders die Mechanismen der DNA-Reparatur sind für die Alters- und Augenforschung interessant.


