Die Feuerzeit
Wenn Brände nicht mehr nur Ausnahme, sondern Erwartung werden, verändert sich mehr als die Landschaft. Dann verschiebt sich auch das Verhältnis des Menschen zu Jahreszeiten, Sicherheit und Raum. Feuer ist dann nicht mehr bloß Katastrophe. Es wird zur Epoche.
Zwischen Januar und April 2026 verbrannten weltweit bereits mehr als 150 Millionen Hektar Land — rund 20 Prozent mehr als beim bisherigen Rekord. Besonders stark betroffen waren Afrika mit etwa 85 Millionen Hektar und Asien mit rund 44 Millionen Hektar. Fachleute von World Weather Attribution führen den frühen, heftigen Start auf menschengemachten Klimawandel, extreme Trockenheit und die Aussicht auf einen starken El Niño zurück, der die Lage im weiteren Jahresverlauf zusätzlich verschärfen könnte.
Gerade deshalb ist das Thema größer als eine weitere Meldung über Waldbrände. Denn es geht nicht nur darum, dass mehr brennt. Es geht darum, wie es brennt, wo es brennt und was dadurch verwundbar wird. Eine wichtige neuere Studie in Nature Ecology & Evolution zeigt, dass sich die Häufigkeit der energetisch extremsten Feuerereignisse weltweit von 2003 bis 2023 mehr als verdoppelt hat; die letzten sieben Jahre enthielten sechs der extremsten Feuerjahre. Zugleich verschärft sich das Problem besonders in borealen und gemäßigten Waldregionen — also dort, wo viel Kohlenstoff gespeichert ist und wo Feuer enorme ökologische wie gesellschaftliche Schäden anrichten können.
Eine zweite wichtige Sichtweise macht das Thema noch unbequemer: Mehr verbrannte Fläche allein erklärt die neue Feuerwelt nicht mehr. Eine Science-Studie von 2025 zeigt, dass die direkte menschliche Exposition gegenüber Wildlandfeuern zwischen 2002 und 2021 um 40 Prozent stieg, obwohl die globale verbrannte Fläche im selben Zeitraum um 26 Prozent zurückging. Der Grund ist so einfach wie bedrohlich: Feuer und Siedlungen rücken enger zusammen. Der Mensch lebt immer häufiger dort, wo Feuer brennen kann — und Feuer brennt immer häufiger dort, wo Menschen leben.
Dazu passt auch die neueste Gesamtschau der Feuerforschung. Ein 2026 erschienener Überblick in Nature Reviews Earth & Environment beschreibt ein scheinbares Paradox: 2025 war global gemessen an der Gesamtfläche eines der relativ kleineren Feuerjahre seit 2002, und dennoch waren die gesellschaftlichen Schäden enorm. In Kanada setzte sich ein drittes Jahr extremer Borealbrände fort; in Los Angeles, Südkorea und Europa starben zusammen mehr als 90 Menschen, und über 300.000 mussten evakuiert werden. Das ist eine zentrale Lehre für den Bericht: Die Feuerzeit misst sich nicht mehr nur in Hektar, sondern in Emissionen, Rauch, Infrastrukturverlust und sozialer Erschütterung.
Neuere Forschung verschiebt den Blick zudem auf die Qualität des Brennens. Der ESA-gestützte State of Wildfires 2024–2025 zeigt, dass die globale verbrannte Fläche langfristig zwar um etwa ein Viertel gesunken ist, vor allem wegen rückläufiger Savannenfeuer in Afrika. Gleichzeitig steigen aber Brände in Wäldern und Mooren, etwa in Kanada, im Westen der USA und in Sibirien. Genau dort sind die Kohlenstoffvorräte besonders groß. Deshalb konnten im Feuerjahr 2024–2025 trotz unterdurchschnittlicher Brandfläche mehr als 8 Milliarden Tonnen CO₂ freigesetzt werden — 9 Prozent über dem langjährigen Mittel. Feuer wird damit nicht nur Folge der Erwärmung, sondern auch ihr Verstärker.
Eine weitere aktuelle Studie in Nature Communications kommt zu einem ebenso klaren wie unangenehmen Ergebnis: Durch den heutigen Klimawandel sind extreme klimabedingte Feuerjahre in Waldregionen global bereits 88 bis 152 Prozent wahrscheinlicher als in einem vorindustriellen Klima. Besonders stark steigt das Risiko in gemäßigten Wäldern und im Amazonasraum. Das heißt: Die Feuerzeit ist nicht bloß Pech, Wetter oder menschliches Versagen im Einzelfall. Sie ist zunehmend ein strukturelles Merkmal einer heißeren Welt.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Wucht dieses Themas. Früher war Feuer oft ein Ereignis. Heute wird es immer öfter zu einer Jahreslogik. Nicht weil überall ständig alles brennt. Sondern weil Hitze, Trockenheit, Wind, Vegetation, Landnutzung und Besiedlung sich so verschieben, dass aus einem Naturereignis ein wiederkehrendes Systemrisiko wird. Die Feuerzeit beginnt dort, wo der Mensch merkt, dass er nicht nur in einer wärmeren Welt lebt, sondern in einer, in der selbst das Brennen seine alte Ausnahme verliert.


