Der Himmel wird voll
Der Mensch hat gelernt, Meere zu befahren, Kontinente zu vermessen und den digitalen Raum zu besetzen. Nun beginnt er, auch den Orbit über seinem Planeten in eine Landschaft aus Infrastruktur, Verkehr und Müll zu verwandeln. Der Himmel ist nicht mehr leer.
Die Europäische Weltraumorganisation ESA verfolgt inzwischen mehr als 54.000 Objekte in der Erdumlaufbahn. Zugleich schätzt sie, dass sich dort über 1,2 Millionen Trümmerteile mit mehr als einem Zentimeter Größe befinden. Viele davon sind zu klein, um vollständig kontrolliert zu werden, aber groß genug, um Satelliten, Missionen und weitere Objekte schwer zu beschädigen. Der Weltraum beginnt damit, dieselben Muster anzunehmen, die der Mensch von der Erde kennt: Nutzung ohne Ende, Ordnung ohne Übersicht, Wachstum ohne Ruhe. Was wie Fortschritt und Vernetzung erscheint, trägt damit längst die Züge einer Übernutzung, die nicht mehr nur am Boden stattfindet, sondern über unseren Köpfen, unsichtbar, aber mit Folgen für Sicherheit, Forschung und Alltag. Auf Dauer.
Das macht das Thema journalistisch so stark. Denn es geht nicht nur um Technik, Raketen oder Raumfahrtromantik. Es geht um die Frage, was geschieht, wenn selbst der Orbit zum umkämpften Wirtschaftsraum wird. Kommunikation, Navigation, Wettervorhersage, Militär, Forschung – all das hängt längst an Satelliten. Wenn der Himmel voller wird, wird auch die Verletzlichkeit moderner Gesellschaften größer. Der Raum über uns wirkt fern, ist aber längst Teil unseres Alltags geworden.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Der Mensch träumt gern vom All als Aufbruch. Aber wie so oft reist er nicht nur mit Neugier, sondern auch mit seinen alten Gewohnheiten an. Und dazu gehört leider, Räume erst dann als endlich zu begreifen, wenn sie bereits überfüllt sind.


